Jeheimrezäpp in der Weihnachtsbäckerei

Es gibt Zeitpunkte im Jahresverlauf, die markieren wesentliche Etappen oder Schritte. Das Silvesterfeuerwerk, das Karnevalstreiben, dem ich mich selbst verschließe, das Osterfest mit der Kreuzigung und der christlichen Osterbotschaft, all die Feiertage im Mai und Juni, das Ausruhen und all die Unternehmungen im Sommerurlaub, vielleicht auch eine Urlaubsreise im Sommerurlaub, natürlich all meine Rennradtouren, Kürbisse und all die bunten Herbstfarben, der St. Martins-Zug – und Weihnachten. Mit all diesen Highlights verbinden mich positive Gedanken und positive Erinnerungen – mit Ausnahme des ganzen Weihnachtsrummels. Das Weihnachtsfest als ökonomisches Übel ? Ich empfinde es jedenfalls als gräßlich, wenn ich etwa durch den Supermarkt schreite und dabei von weihnachtlichen Klangatmosphären eines „Santa Claus is coming in town“ oder „I’m dreaming of a white christmas“ eingenebelt werde, und das immer öfter in irgendwelchen Pop-Klängen, die sich, schräg und deformiert, gegen jegliche Klangformen stellen.

Nikolaus an einer Crêperie

Genauso schaue ich weg, wenn in so manchen Schaufenstern die Ökonomisierung eines ureigenen christlichen Festes auf die Spitze getrieben wird, doch beim Gang über die hiesigen Weihnachtsmärkte kann das vorweihnachtliche Gefühl bisweilen auch ganz anders gestrickt sein. Heerscharen von Tüftlern, Bastlern und Handwerkern haben Herzblut und jede Menge Arbeitsschweiß in ihre Verkaufsstände hinein gesteckt. Mir wird warm uns Herz, wenn ich die Buntheit und Vielfalt an ihren Ständen betrachte. Wenn sich meine Augen an Senf, Kerzen, Pralinen, Puppenkleider, Fachwerkhäuser aus Ton, Schmuck, Christbaumschmuck, Schals, warme Mützen, Bleiverglasungen, bunt bemalte Glaskugeln, Salzfiguren, Zauberwürfel und vieles mehr satt geguckt haben, dann wendet sich meinen Gaumen den kulinarischen Genüssen zu.

So manches ähnelt sich und ist von Imbißbuden auf Weihnachtsmärkte kopiert worden. Reibekuchen und Backfisch, Currywurst und Krakauer, Rostbratwurst und Schaschlik dürfen nicht fehlen, aber auch ausländische Einflüsse wie Churros, Poffertjes und die chinesische Küche werten die etwas hastige Kultur des Schnellimbisses auf.

Auf Weihnachtsmärkten gehe ich meinen Neigungen für die süße Kategorie nach. Zu Hause essen wir selten Waffeln mit Sahne und heißen Kirschen, aber auf dem hiesigen Weihnachtsmarkt bleibe ich regelmäßig dort kleben. Treffend nennt sich der Stand auf dem Bonner Weihnachtsmarkt „Weihnachtsbäckerei“, und wer genau hinschaut, dem fällt unter dem Schild auf der Dachfläche der Symbolgehalt diverser Kochtöpfe, eines Fleischwolfes und auch eines Waffeleisens auf, welche Schlemmereien dort angeboten werden. Selbst der Nikolaus will in der Weihnachtsbäckerei anpacken und hält griffbereit ein Nudelholz zwischen seinen Händen.

Waffel mit Sahne und heißen Kirschen in der Weihnachtsbäckerei

Die Weihnachtsbäckerei ist so etwas wie ein Paradies für süße Naschereien. Poffertjes und Crêpes, Germknödel und gebrannte Mandeln kann man dort schlecken. Ich steuere jedesmal zielgerichtet auf die Waffeln mit Sahne und heißen Kirschen. Allein die Form ist gigantisch. Rechteckig, mit dem tief eingeschnittenen Tiefengravurmuster, türmt sich das gebackene Endprodukt fulminant in die Höhe. Damit die Kunden nicht Schlange stehen müssen, warten gleich sechs Waffeleisen mit ihrem roten Klappgriff auf ihren Einsatz. Das Prinzip gleicht demjenigen von zu Hause. Handgriffe und Bewegungen sind zur Routine geworden, der dünnflüssige, zarte Teig wird mit einem Schöpflöffel aus einer Rührschüssel herausgelöffelt, unauffällig verteilt er sich auf die groben Kerben des Waffeleisens, das Gewicht der Oberseite drückt den Teig fest zusammen, eine Backzeit von ein paar Minuten verleiht der Waffel ihren überwältigenden, zarten Geschmack, veredelt von der dampfenden Masse heißer Kirschen und einem ordentlichen Klecks Sahne. Das Zubeißen wird zum Erlebnis. Butterweich zergeht der gold-gelb gebräunte Teig auf meiner Zunge. Biss für Biss versetzt mich die unglaubliche Symbiose von Teig, Kirschgeschmack und Sahne in einen Zustand höchster Euphorie.

Bevor ich diesen Fünf-Sterne-Ort eines maximalen kulinarischen Genusses verlasse, hake ich nach. Wegen des Rezeptes. Ob es denn der ganz gewöhnliche Teig sei, wie man ihn zu Hause auf seinem eigenen Waffeleisen mache. An der Bedienungstheke frage ich nach. Der bedienende junge Herr in seinen herzroten Pullover und dem Schiffchen auf seinem Kopf in demselben Herzrot hüllt sich in Schweigen. Vielleicht hat er tatsächlich keine Ahnung, vielleicht war meine Frage auch dumm, denn ein stinknormales Rezept kann es nicht gewesen sein. Ein etwas älterer Herr neben ihm, der gerade seine Poffertjes in den kugelrunden Aushöhlungen gewendet hat, erlöst ihn schließlich. Auf Bönnsch antwortet er: „Dat is en Jeheimrezäpp un die Chefin rück dat nit eruss … „. Denkt man an die Einzigartigkeit solcher Leckereien, klingt die Antwort einsichtig.

Als ich gehe, tönt die Weihnachtsmusik des angrenzenden Glühweinstandes herüber. Menschengruppen, die an bauchigen Stehtischen ihre Geselligkeit pflegen, müssen einiges über sich ergehen lassen. In Endlosschleifen wiederholt sich derselbe Text, permanent. Herzzerreißend klammert sich aus dem Lautsprecher eine näselnde Frauenstimme am Weihnachtsfest. Ihre Stimme schwingt sich in immer höhere Tonlagen hinauf, bis sie mal kreischt, mal tonlos wird. Die Appelle an ihren Liebsten versetzen eine Vierergruppe, die gerade heißen Glühwein herunter schlürft, in den unbemerkten Zustand einer Eiseskälte. Das Weihnachtslied lebt von Sparsamkeit, denn ihr Vokabular erschöpft sich in zwölf, dreizehn Worten„ I promise“, die nervende Frauenstimme schallt an den Anwesenden vorbei. „I come home at Christmas, I’ll be there“,. Dann fügt sie ihre Zweisamkeit zusammen: „You’ll be there“. Verpassen die Glühweintrinker etwa die perfekte, wahre Liebe, wenn sie weghören ?

Glühweinstand

Solch eine Weihnachtsmusik macht krank. Die Trennung der beiden Liebenden ist tragisch: ich bin dort, du bist dort, ich werde heimkommen. Die Erlösung, das Weihnachtsfest, läßt auf sich warten. Ich kann nicht leugnen, dass ich froh bin, wenn der Weihnachtsrummel vorbei ist. Man muss nicht unbedingt den letzten Schrott von Weihnachtsliedern durch die Lautsprecher dudeln lassen. Es ginge auch anders. „Last Christmas“ von Wham, „Merry Christmas everybody“ von Slade oder „Step into Christmas“ von Elton John: eigentlich mangelt es nicht an Weihnachtsliedern, die im Stil der Zeit gesungen worden sind und sogar – obschon das kein Markenzeichen sein muss – in den Hitparaden gestanden haben.

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