Cyber-Soldaten in Grafschaft-Gelsdorf und Rheinbach

Die fünfte Dimension der Kriegsführung verbirgt sich hinter einem Klinkerbau, der unkenntlich im Industriegebiet von Grafschaft-Gelsdorf verschwindet. Von der Hanglage aus schaut das rot-orange Logo der Raiffeisen-Waren-Zentrale auf Gelsdorf mit dem Autobahnkreuz Meckenheim. Ein Fahrrad-Fabrikverkauf, ein Pumpenhersteller, jede Menge produzierendes Gewerbe, Messebau, Steuerberater, das Weinimperium eines Brogsitter: bunt gemischte Arbeitswelten arbeiten in Flachbauten, Hallen und fabrikähnlichen Gebäuden vor sich hin, jäh unterbrochen von einem Stacheldrahtzaun. Schilder warnen vor dem „Militärischen Sicherheitsbereich“. Unbefugtes Betreten ist verboten. Es wird sogar Schusswaffengebrach angedroht. Streng geheim, streng abgeschottet und streng bewacht geht es hinter dem Gelände der Phlipp-von-Boeselager-Kaserne zu. So wie bei anderen Anlagen der Bundeswehr, bleibt normal Sterblichen der Einblick in das Innenleben verborgen.

Einen kleinen Einblick hatten im Jahr 2008 Reporter des SPIEGEL erhalten, denen eine Sondergenehmigung Einlass gewährte. Über ausgewählte Aktivitäten der 7.000 Soldaten, die mit dem traditionellen Verständnis von Verteidigung in Heer oder Luftwaffe nichts gemein haben, durften die Reporter berichten.

Kaserne in Grafschaft-Gelsdorf

Quelle: www.aw-wiki.de

Die Soldaten in Grafschaft-Gelsdorf sind Teil des „Kommandos Strategische Aufklärung“. Deren Standorte Hof, Daun, Nienburg, Bad Aibling, Bramstedtlund oder Mürwik kennt entweder niemand oder sie liegen so abgelegen an den Rändern unserer Republik, dass sich kaum jemand dorthin verirrt. Mit zunehmenden Attacken von Hackern, Schadprogrammen und Internetkriminalität formulierte die Bundesregierung den Handlungsbedarf einer IT-Sicherheitsstrategie – wie man sie vom Prinzip her in jedem Unternehmen kennt, um die IT samt Rechner zu schützen vor Viren, Würmer, Trojaner, kurzum, alles, was es an Schadprogrammen gibt und deren Zerstörungspotenzial. Die Schäden sind im zivilen Bereich enorm, wie etwa durch Betrugsfälle infolge Phishing beim Online-Banking. Genauso geht es den Tätern darum, an streng vertrauliche Informationen heran zu kommen. So wurde im Mai dieses Jahres das Netz der Bundesregierung durch einen Hacker-Angriff komplett lahm gelegt, wobei die Hacker im Endeffekt auf die Informationen auf allen Rechnern der Bundesregierung zugreifen konnten.

Auf militärischem Gebiet entwickelte sich seit den 1990er Jahren die fünfte Dimension der Kriegsführung. Neben konventionellen Waffen und ABC-Waffen rückte das Zerstörungspotenzial von Schadprogrammen in das Visier der Militärstrategen. Immer präziser und feiner sind die Waffen gesteuert. Panzern, Bomber, Aufklärungsflugzeuge sind bis an den Rand vollgestopft mit IT. Und wenn die Lenkung über die IT ausgeschaltet wird, kann der Cyber War ähnlich erfolgreich sein wie die konventionelle Kriegsführung.

In der Nähe arbeitet die Kaserne in Grafschaft-Gelsdorf eng mit dem Standort Rheinbach zusammen, der ursprünglich ein Fernmeldebataillon war. Fernmelder kennen sich damit aus, den potenziellen Feind abzuhören und auszuspionieren. Genau das ist auch Bestandteil der Cyber-Strategie. NATO-Organisationen zählen täglich rund 30 Hacker-Angriffe, die in erster Linie darauf abzielen, über Rechnernetzwerke streng vertrauliche Dokumente zu klauen.

So ähneln die Tätigkeiten des „Kommandos Strategische Aufklärung“ stark den zivilen Tätigkeiten der IT-Sicherheit und verbarrikadieren sich hinter diversen Anglizismen wie „Incident Response und Management“ (Umgang mit IT-Sicherheitsvorkommnissen), „Netzwerk-Monitoring“ (Netzwerküberwachung), „Netzwerkanalyse/Schwachstellenanalyse/Computerforensik“ (Untersuchung der IT nach einem Zwischenfall) sowie „Schadsoftware-Analyse und Warn- und Informationsdienst für IT-Sicherheit“. In Bunkern und Hochsicherheitstrakten trainieren Computer-Hacker in Uniform, wie man Webseiten und Netzwerke platt macht.

Tomburg-Kaserne in Rheinbach

Andere Soldaten sammeln Informationen. In Bramstedtlund lauscht ein Wald von Antennen in die Welt hinein. Ins All geschossen, sezieren fünf Radarsatelliten aus 496 Kilometern jedes Fleckchen Erde. Aufklärungsflugzeuge schwärmen aus in Krisen- und Kriegsgebiete. Die Soldaten lauschen Telefonaten und müssen dabei ganz entlegene Fremdsprachen beherrschen. Dabei basteln sie an Spracherkennungsmaschinen, um beispielsweise das Afghanische möglichst wortgetreu ins Deutsche zu übersetzen. Sie lesen Fernschreiben, Faxe und e-Mails, sie peilen Funksender und Radaranlagen an. Sie können die Bewegungen der Panzer der IS erkennen, die die Radarsatelliten gesehen haben.

Der Cyber-Krieg ist sogar einmal zur Anwendung gekommen. 1999, als die NATO den serbisch-kroatischen Krieg beendete, setzte sie diese Waffe gegen die Serben ein. Schadprogramme drangen in die IT der Luftabwehr ein. Die Luftabwehr wurde ausgeschaltet, so dass die fünfte Dimension der Kriegsführung half, im ehemaligen Jugoslawien Frieden zu schaffen.

Quellen:

SPIEGEL-Online:

http://www.spiegel.de/politik/deutschland/strategische-aufklaerung-bundeswehr-belauscht-die-welt-a-575417.html

Aufsatz in der Zeitschrift "Bundeswehr-Journal":

http://www.bundeswehr-journal.de/2013/vom-kampf-in-der-funften-dimension/#more-1719

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