Zweiklassenmedizin

Voller Demut ließ ich die Pieckserei in meinem linken Unterarm über mich ergehen. Ich schaute weg. Seit dem Desaster, dass die Arzthelferin zwei, drei Versuche starten musste, eine Vene zu finden, um mir Blut abzunehmen, schwebe ich zwischen Hoffen und Bangen. Damals wurde mir regelrecht schwarz vor Augen, Minuten dehnten sich in eine Endlosigkeit. Diesmal lief alles nach Plan. Die heutige Arzthelferin, mollig, eine Endzwanzigerin, mit ihren dicken Oberschenkeln und ihren dünnen schwarzen Haaren nicht gerade attraktiv, übertraf die Zielsicherheit ihrer Vorgängerinnen. 120 zu 80 Blutdruck, dann der Piecks, locker und routiniert, voller Verkrampfung hielt ich meine Faust dagegen. Nach vielleicht einer halben Minute war das Spektakel der Blutabnahme vorbei.

Krebsvorsorge, einmal jährlich unterziehe ich mich dieser Prozedur, die Bedeutung solcher Untersuchungen steht für mich außer Zweifel. Dabei füge ich mich unaufgeregt in die standardisierten Abläufe der Blutabnahme, der Urinprobe und der Untersuchung der Prostata ein. Der Brisanz dieser Untersuchungen bin ich mir bewußt. Bei einem guten Freund konnte Prostatakrebs frühzeitig erkannt und operiert werden. Als Negativbeispiel fand der Politiker Wolfgang Bosbach nie Zeit für Vorsorgeuntersuchungen und schleppt sich seit 2010 mit unheilbarem Prostatakrebs durch sein Politikerleben.

Guido Westerwelle. Sein Auftritt bei Günter Jauch. Seine Diagnose Leukämie. Obschon mich sein wichtigtuerisches Gehabe als Politiker, gekoppelt mit Inhaltslosigkeit und leeren Phrasen, eher abgestoßen hat, war ich gerührt. Von dem Politiker Westerwelle, von seiner Rhetorik und seinen dicken Sprüchen war nichts mehr übrig geblieben. Seine Sprechweise war angestrengt, Worte quälten sich durch Sätze, mindestens zehn Jahre sah er älter aus. Seine Gesichtszüge starr, aufgedunsen und gezeichnet von der Krankheit, beschrieb er diese als einen inneren Dämon. Um diesen Dämon in den Griff zu bekommen, wurden Stammzellen transplantiert. Parallel dazu wurde er bestrahlt, und nach einer dieser Bestrahlungen fühlte er sich nackt wie in einer Kühlkammer und glaubte, wegzusterben. Er erhielt eine Infusion, so dass er nach einer halben Stunde wieder wohlauf war.

Hellhörig war ich geworden, als Guido Westerwelle bei Günter Jauch äußerte, dass er die routinemäßigen Vorsorgeuntersuchungen wahrgenommen habe. Die Leukämie war nicht bei der Krebsvorsorge entdeckt worden, sondern vor einer Knieoperation, die nach einer Sportverletzung anstand. Vor der OP war Blut untersucht worden, und dabei war im Blutbild die Leukämie aufgefallen.

Das stellte die Sinnhaftigkeit der Krebsvorsorge in Frage. Die Pieckserei ging mir durch den Kopf, dass die Blutabnahme und die nachfolgende Untersuchung zu irgendetwas gut sein müsse. Leberwerte, Fettwerte, Eisenwerte und vieles mehr bekam ich ausgewertet und per Post nach Hause geschickt. Der medizinische Sachverstand meines Urologen musste mir dabei helfen, um die Messwerte verstehen zu können.

Blutkrebswerte ? Ich konfrontierte meinen Urologen mit dem Fall Westerwelle, der regelmäßig zur Krebsvorsorge gegangen war, aber an Blutkrebs erkrankte. Ja, er habe die Sendung zum Teil gesehen, und selbst sei er auch sehr gerührt gewesen. Berührt habe ihn aber auch die krebskranke schwangere Frau in derselben Sendung, die ein gesundes Kind geboren hatte. Er zögerte, Stellung zum Fall Westerwelle zu beziehen, weil er nicht wüsste, ob er gesetzlich oder privat krankenversichert sei. Zwei Fälle wären denkbar: erstens, es handelt sich um sehr aggressive Krebszellen, dann könnten diese innerhalb kürzester Zeit im ganzen Körper herum wuchern, zweitens, Guido Westerwelle wäre gesetzlich krankenversichert.

Ich stellte die These auf, dass, wenn mein Blut auf eine Vielzahl von Parametern untersucht wird, Leukämie so früh wie möglich entdeckt würde. Das bejahte mein Urologe – und er schimpfte auf die gesetzliche Krankenversicherung. Ich sei Privatpatient. Vor Urzeiten bin ich dort einsortiert worden, weil ich Beamter bin. Der Urologe, seinen Zorn verbergend, nannte den Begriff Zweiklassenmedizin. Das sei so wie bei jeder anderen Vertragsbeziehung, dass er nur das machen könne, was die Krankenkassen bezahlen. Die Anforderungsprofile an die Früherkennung hat der Gesetzgeber geregelt. Und die gesetzlichen Krankenkassen bezahlen nur das, was in der Krebsfrüherkennungsrichtlinie steht, das ist das Abtasten der Genitalien und der Prostata vom Enddarm aus. Also kein Ultraschall und keine Blutuntersuchung. Das bezahlen aber die privaten Krankenkassen, so wie in meinem Fall. Sicher, man könne nicht behaupten, dass die Krebsvorsorge für gesetzlich Krankenversicherte keinen Sinn mache, aber die Chancen einer Früherkennung seien bei Privatpatienten deutlich besser. Ultraschalluntersuchungen durchleuchten den Körper ganzheitlich, so etwas könne eine Abtastung nicht leisten, die stets oberflächlich ist, da Ansätze zu einem Tumor sich entweder tiefer im Unterleibsbereich verbergen können oder auch kleiner sein können.

Als ich in das Wartezimmer zurückkehrte, konnte ich naturgemäß in den Gesichtern nicht erkennen, ob es Kassenpatienten waren oder Privatpatienten. In dem hellen und freundlichen Wartezimmer fiel das Tageslicht auf die weiße Strukturtapete, auf der sich Aquarelle etwas krass mit ihrem goldenen Bilderrand abhoben. Auf einem Beistelltisch vor dem Fenster wartete stilles Wasser in einem Wasserspender darauf, getrunken zu werden. Wartende Patienten blätterten, Augen vertieften sich in die Berichte von Illustrierten, dessen braune Umschläge eines Lesezirkels steif zwischen deren Handflächen lagen. Als ich die Arztpraxis verließ, hörte ich aus dem Telefonat der Arzthelferin die Wortfetzen „PSA-Wert“ heraus. Wann er denn vorläge. Spätestens Morgen, diese abschließenden Worte des Telefonats begleiteten mich über die Türschwelle. Dort wehte mir ein laues Lüftchen entgegen.

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