der Freiheitsbaum von Münstereifel

Es geschah feierlich und unaufgeregt zugleich. Wimpel und Girlanden schmückten die Hauptstraßen von Münstereifel, gemessenen Schrittes trudelte der Festzug vorwärts, angeführt vom Bürgermeister, gefolgt von den Amtmännern des Rathauses – welches die Franzosen kurzer Hand in Munizipalität umgetauft hatten. Als öffentliche Personen folgten die Richter des Friedensgerichtes, die vom Bürgermeister unabhängig waren, die aus der Verwaltung heraus gelöst worden waren und auf deren Schreibtischen sich Zivilrechtsstreitigkeiten anhäuften.

Ein wenig ähnelte die Zeremonie dem Maibaumsetzen im Rheinland, denn Anhänger der Revolution schulterten eine ausgewachsene Linde, das Volk folgte bedächtig, und den Schluss des Festzuges markierte ein Soldat aus der Pfalz, der zufällig anwesend war. Der wesentliche Unterschied war: die Menge feierte nicht in den Wonnemonat Mai hinein, sondern man schrieb den Monat März, genau genommen, den 15. März 1798.

Zuvor war 1789 in Paris die Bastille gestürmt worden, 1795 hatte Napoleon in den Nachwirren der Revolution das Zepter übernommen, 1798 hatte er das Rheinland besetzt. Wie ein Sturm fegte nun die Revolution auch über das Rheinland hinweg, die Gier nach Freiheit schien unendlich, die Verwaltung wurde auf den Kopf gestellt, die Kirche wurde kaltgestellt. Das Ideengut von „liberté, égalité, fraternité“ – also Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – wurde genau in diesen Freiheitsbaum hinein gesteckt, dessen Tradition die Jakobiner 1790 in Paris eingeführt hatten. Nun trugen die Münstereifeler Burschen der Revolution genau einen solchen Freiheitsbaum auf ihren Schultern.

Freiheitsbaum 1790 in Paris, Quelle: Wikipedia

Manche empfanden den Festzug als eine von den Franzosen angeordnete Veranstaltung, andere sahen das Gut der Freiheit, welche das Zeitalter der Unterdrückung beenden sollte und der Würde des Menschen zu neuer Ehre gereichen sollte. Bänder der Trikolore zierten den Stamm der Linde, in dessen Krone die rote Freiheitsmütze der Jakobiner baumelte. Die rote Mütze symbolisierte zusätzlich die neuen Dimensionen der Freiheit, das waren Veranstaltungsfreiheit, persönliche Freiheit, Glaubensfreiheit und, allen voran, die Pressefreiheit.

Die rund fünfzig bis sechzig Menschen fanden auf dem Marktplatz, der eigens für diesen Zweck in „place du peuple“ umbenannt worden war, ihr Ziel: die Anhänger der Revolution pflanzten den Freiheitsbaum in ein bereits ausgehobenes Loch. Dabei skandierten die Rufe „mieux libre que mourir“ – lieber frei sein als zu sterben.

Danach ging die Feier genauso weiter wie das Maibaumsetzen, wie wir es heutzutage im Rheinland kennen: es wurde getanzt, gefeiert, gesungen, gelacht – und natürlich floss der Alkohol in Hülle und Fülle. Und genau so wie heutzutage, wenn ordentlich gebechert wird, wurde auch randaliert und es flogen die Fetzen. In Münstereifel war es der Soldat aus der Pfalz, der den Adelsstand nicht antasten wollte und zur Gegenrevolution aufforderte. Es kam zu Handgreiflichkeiten, in dessen Verlauf sich seine Hände an dem Freiheitsbaum fest krallten, wobei er seinen Unmut über dieses Symbol der Revolution äußerte.

Am nächsten Morgen, als es dauerte, bis sich aus dem Nebel des Alkohols klare Strukturen herausschälten, war das Entsetzen groß: der Freiheitsbaum war aus seinen Wurzeln zur Seite weggerissen worden. Sofort schnappte sich die Menge den Soldaten aus der Pfalz, und zwei Tage lang wurde er im Namen von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit im Gefängnis eingekerkert.

Nach diesen zwei Gefängnistagen bei Wasser und Brot stellte sich heraus, dass der Fall genau umgekehrt gelagert war. Es war nicht der Soldat aus der Pfalz, sondern ein Richter des Friedensgerichtes, der den Baum zum Umfallen gebracht hatte. Auch er war beseelt von Wein, Weib und Gesang, und zusätzlich beseelt von einem Durst nach Freiheit, der kein Ende nehmen wollte. Er hatte den Freiheitsbaum so liebgewonnen, dass er ihn mit seinen Armen umschloss, und zwar so lange und so kräftig, bis er sich zur Seite neigte. Der Richter war in der Nacht so laut gewesen, dass einige sogar seine Ausrufe „Oh, du kahailigter Baum“ gehört hatten.

Quelle: Toni Hürten, Bad Münstereifel – Chronik von 760 bis 1816

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